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Alpha-Forum

Sendetag: Freitag 9. Oktober 1998, 20.15 Uhr

Klaus Därr
Reiseschriftsteller

im Gespräch mit Thomas Rex
     
 

Herr Rex: Ich begrüße Sie, verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer, bei Alpha-Forum hier im "Bildungsfernsehen" des "Bayerischen Rundfunks". Zu Gast bei uns ist heute Klaus Därr. Klaus Därr, Sie sind ein Mann, der das Reisen zu seinem Beruf gemacht hat. Oder ist das mehr eine Berufung? Alle Kontinente und insgesamt 70 Länder haben Sie gesehen - aber nie als Pauschaltourist, sondern als Wegbereiter von Individualtouristen.

Herr Därr: Also, eine Berufung ist es nicht. Ich reise gerne, aber ich hatte nie das Ziel, da irgendwie lehrend tätig zu werden oder anderen Menschen Erleuchtungen zu verschaffen. Ich habe ganz einfach als Student angefangen, große Reisen zu machen, die mich dann Schritt für Schritt immer weiter und in immer schwierigere Gebiete geführt haben. Das hatte zur Konsequenz, daß ich eines Tages doch soviel Wissen angesammelt hatte, daß es sich gelohnt hat, dieses Wissen auch einmal schriftlich niederzulegen. So kam es dann nach und nach, daß ich mich aus dem Kreis der Leute und Studenten, die auch große Reisen gemacht haben, etwas gelöst habe und vorangekommen bin zu dem etwas kleineren Kreis von Pionieren unter den Fernreisenden.

Herr Rex: Eigentlich hatten Sie eine ganz andere Karriere geplant. Sie sind 1947 im Fränkischen geboren, dann in München zur Schule gegangen, haben die mittlere Reife gemacht, immer weiter gelernt und gelernt und sind Diplomnachrichtentechniker geworden. Sie waren dann sogar als Assistent an der Universität am Lehrstuhl beschäftigt. Hat Sie diese Karriere denn nicht gereizt?

Herr Därr: Nein, sie hat mich nicht gereizt. Ich stamme aus einer Familie, in der der Vater Diplomingenieur bei der Firma Siemens war. Ich selbst hatte auch zwei Jahre lang bei der Firma Siemens ein Praktikum gemacht. Aber irgendwie wollte ich eigentlich in dieser heilen Welt mit den langen Gängen und den vielen Krawatten nicht leben, es hat mich immer schon mehr gereizt, nach draußen zu gehen.

Herr Rex: Sie sind dann schon während des Studiums mit einer ungewöhnlichen Idee angetreten. Sie haben gebrauchte Post-Paketbusse nach Afrika überführt: nach Ruanda, in den Sudan, nach Senegal. Wie kommt man denn auf solche Ideen?

Herr Därr: Ich habe während des Semesters an der "Technischen Universität" als Hilfsassistent gearbeitet und dabei ein bißchen Geld verdient. Es war aber klar, wenn ich große Reisen machen wollte, würden sie auch Geld kosten. Ich habe dann eben nach einem Weg gesucht, wie ich mit dem während des Semesters verdienten Geld bei den großen Reisen meinen finanziellen Status aufrechterhalten kann. Ich habe mit dem verdienten Geld alte Paketbusse gekauft - pro Reise einen - und bin damit nach Marokko und über die damalige spanische Westsahara nach Senegal gefahren, wo ich zwei solche Fahrzeuge verkauft habe. Ich bin eben immer mit wenigen tausend Mark mehr wieder nach Hause gekommen, als ich bei der Abfahrt hatte.

Herr Rex: Das heißt, diese Reisen haben nicht nur etwas gekostet, sondern Sie haben am Anfang mit diesen Reisen auch etwas verdient.

Herr Därr: Ich habe ein bißchen dabei verdient, aber wenn man heute eine Abwägung zwischen Einkommen und Risiko machen würde, dann müßte man schon sagen: "Um Gottes willen, das sollte man besser nicht machen". Schnell reich wurde man damit sicher nicht.

Herr Rex: Sie haben dann entdeckt, daß Sie auch schreiben können - nicht die große Lyrik, aber mit technischem Sachverstand -, und Sie haben einen der ersten alternativen Reiseführer geschrieben: "Transsahara". Er erscheint mittlerweile in der neunten Auflage. 30000 Exemplare haben Sie davon verkauft. Damit wurden Sie dann auch ziemlich bekannt in der Szene.

Herr Därr: Ja, in der Anfangsphase, so 1975/76, als die ersten Auflagen von "Transsahara" herauskamen, gab es einfach nichts für Leute, die auf eigene Faust in Afrika oder auch in anderen Kontinenten unterwegs sein wollten. Es gab die klassischen Reiseführer, die sich eben mehr an Kunstwerken und der Kultur von Ländern festgebissen haben: an Dingen, die sich über viele Jahre nicht ändern, bei denen man schöne hohe Auflagen drucken und sie dann über viele Jahre verkaufen kann. Das Problem bei den praktischen Reiseführern, wie ich damals einen gemacht habe, bestand darin, daß diese Informationen sehr vergänglich waren und man nur sehr kleine Auflagen machen konnte. Als Selbstverleger und Newcomer hat man das machen können, ein großer Verlag hätte das nicht gekonnt.

Herr Rex: Sie haben dann in diesem Buch den Leuten gesagt, was der Sprit kostet, welche Grenze offen ist, wo es einen vernünftigen Campingplatz, wenn man den überhaupt so nennen will, gibt und welche Fahrzeuge man kaufen soll. Alles das kam aus eigener Erfahrung?

Herr Därr: Ja.

Herr Rex: Es haben Ihnen also dabei keine Leute geholfen?

Herr Därr: Nein, das basierte eindeutig auf eigener Erfahrung. Während des ersten Studiums, das ich gemacht habe, habe ich einen Oldtimer renoviert, einen BMW mit dem Baujahr 1936. Ich habe ihn total zerlegt und wieder zusammengebaut. Dabei habe ich das Grundlagenwissen gewonnen, um dann später einmal auch andere Autos wieder am Laufen zu halten.

Herr Rex: Als Sie damals das erste Mal nach Afrika gereist sind, war das ja eine Zeit, zu der in dem wieder aufblühenden Deutschland plötzlich Autos und Urlaubsreisen nach Italien zum Lebensstandard gehörten. Vielleicht ging es an die Costa Brava oder auch nur nach Österreich, wenn es für weiter weg nicht gereicht hat. Aber Afrika war in der Bundesrepublik damals doch kein Thema, oder? Das Innere Afrikas hatten nämlich Pioniere wie Heinrich Barth erst um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts erforscht. Mit dem Ersten Weltkrieg waren dann die deutschen Kolonien an andere Kolonialmächte gefallen.

Herr Därr: Für mich war es auch kein Thema. Ich bin eigentlich erst durch einen Aushang in der Mensa der "Technischen Universität" auf die Idee gekommen, durch die Sahara zu fahren. Auf diesem Aushang stand: "Fahre die ‚Piste impériale mauretane' - also die mauretanische Piste von der Westsahara nach Mauretanien und Senegal - und suche Mitfahrer". Ich habe dann auf die Landkarte geschaut, um zu sehen, was der eigentlich vorhat. Und da habe ich mir dann gedacht: "Gut, das mache ich ohne den, denn wenn der das kann, dann kann ich das auch". So habe ich das zum ersten Mal gemacht.

Herr Rex: In der Zeit gab es natürlich Abenteuerromane oder auch die Berichte von Heinrich Barth. Sie haben damals das "Trou au natron" als großes Bild auf einer Karte gesehen - das liegt im Tschad. Haben Sie denn das später auch in natura gesehen?

Herr Därr: Ja, aber es hat 20 Jahre gedauert, bis ich es dann schließlich selbst gesehen habe. Und jetzt, im November letzten Jahres, war ich zum dritten Mal dort und habe dann auch endlich die Gelegenheit wahrgenommen, einmal hinunterzulaufen: Das sind - in der Zentralsahara - ja 800 Meter nach unten. Das dann am selben Tag wieder hinaufzulaufen, ist ganz schön anstrengend. Aber es ist natürlich auch faszinierend, in so einen Riesenkrater hineinzulaufen, in dem unten dann Natronsalze zu finden sind, in dem es eine Quelle gibt und in dem wilde Esel herumlaufen. Es ist schon eine ganz verrückte Szene da unten.

Herr Rex: Herr Därr, welche großen Naturschauspiele wollen Sie noch sehen? Was steht da auf Ihrer Liste ganz oben?

Herr Därr: Das Interessante ist ja, je mehr man sich mit einer Gegend befaßt, um so mehr neue Ziele kommen einem in den Sinn. Man denkt zunächst einmal, man fährt da hin, hakt es ab, hat es gesehen und in sich aufgenommen. Man stellt dann aber fest, daß man eigentlich ein paar Monate hätte dort bleiben müssen, um all das kennenzulernen, was einem dort neu ist. Im Prinzip ist es so, daß ich diese Erde und alle ihre Regionen sehen möchte. Dabei zieht es mich aber doch mehr zu den Naturschauspielen dieser Erde als zu den Menschen und den von Menschen geschaffenen Werken.

Herr Rex: Pauschaltourismus auf der einen Seite, und das individuelle Reisen auf der anderen Seite. Wir haben schon erwähnt, daß Sie einer der Pioniere sind, die auf eigene Faust Land und Leute kennenlernen wollten. Heute ist das nichts Ungewöhnliches mehr. Galten Sie in den sechziger Jahren und zu Beginn der siebziger Jahre bei manchen als Spinner?

Herr Därr: Ganz sicher galten Leute wie ich als Spinner. Solche Leute waren zu der Zeit eben noch sehr viel seltener. Sie haben in ihrer eigenen Umgebung zu Hause auch kaum jemanden gekannt, der ähnliche Touren gemacht hat. Statt dessen war es so, daß man allenfalls unterwegs solche Leute kennengelernt hat. Entsprechend war damals auch das Auftreten der Leute, die große Touren gemacht haben, weil sie von allen Seiten entweder als Spinner betrachtet oder eben bewundert wurden - das hat diese Leute ziemlich aufgebaut. Wenn sie dann zu Hause anläßlich eines Ereignisses alle zusammenkamen, war das ziemlich schwierig, weil da lauter Menschen aufeinandertrafen, die sich für die Größten hielten. Das gibt es heute als Effekt vereinzelt auch noch.

Herr Rex: Sie organisieren ja das große Globetrottertreffen alle Jahre, an dem solche Leute zusammenkommen. Sind das immer noch die "Größten", die heute solche Touren machen?

Herr Därr: Nein, das hat sich relativiert, weil sie gelernt und es auch schätzen gelernt haben, daß sie nicht so ganz alleine sind. Sie kommen jetzt sehr gerne zu so einem Treffen, weil sie da auch unendlich große Erfahrungen über Ländergrenzen, Versorgungswege, politische Situationen, Technik etc. austauschen können.

Herr Rex: Was kommen z. B. für Leute zu der großen Geländewagenausstellung in München? Sind das oft Angeber mit viel Chrom, die eigentlich nur vor dem Café stehen und mit den Sandblechen und den vielen Kanistern angeben? Was ist das für eine Klientel?

Herr Därr: Da gibt es im Grunde drei verschiedene Besuchergruppen. Zum einen gibt es die Off-Roader, die ihren Geländewagen haben, um sich selbst etwas zu beweisen, und die die Landschaft, auch die Wüsten- und Gebirgslandschaften, nur konsumieren, um sich und ihre Technik zu erproben. Sie interessieren sich aber eigentlich für die Landschaft gar nicht. Dann gibt es die Expeditionsreisenden, die einen Geländewagen brauchen, um damit in die Gegend gelangen zu können, die sie eigentlich interessiert. Und zum dritten gibt es die Rallye- oder Pseudo-Rallyefahrer, die dann in organisierter Form auf Tempo- und Materialverschleiß fahren.

Herr Rex: Wie kam es denn bei Ihnen, daß aus dieser Studentenidee, Paketbusse nach Afrika zu bringen und damit die Reise zu finanzieren, eine Lebensplanung wurde?

Herr Därr: Bei den meisten Menschen ist das Leben ja zunächst einmal gar nicht so geplant, sondern es kommt eben anders als man denkt: Das Leben ist, was sich abspielt, während man völlig andere Pläne macht. So war es bei uns auch. Meine Frau und ich haben gesehen, daß ein riesiges Interesse an diesem zunächst einmal ja sehr einfachen Büchlein "Transsahara" bestand. So kam die Frage auf, wo man denn eigentlich all die Sachen bekommen kann, um so eine Tour machen zu können. Man hat als Leser nun ein kleines Büchlein, in dem steht, was man alles braucht, wie man über die Grenzen kommt und wie man sich versorgt. Aber man weiß noch nicht, wo man diese Ausrüstung herbekommt. Nun wochenlang durch die Gegend zu laufen und die Dinge einzeln zusammenzukaufen, war eben sehr zeitraubend, und man wollte die Zeit, die man hatte, ja eigentlich für die Tour verwenden und nicht für die Vorbereitung.

Herr Rex: Und da haben Sie dann schlicht und einfach ein Geschäft gegründet?

Herr Därr: Ja, und dann haben wir angefangen, aus dem vierten Stock einer Untermietswohnung in München Kanister, Sandbleche und dieses Büchlein zu verkaufen.

Herr Rex: Sie waren nie der ausgesprochene Globetrotter, der Weltenbummler. Sie machten die Idee des individuellen Reisens zu Ihrem Geschäft, und das florierte dann richtiggehend. Aus dem vierten Stock wurde sehr schnell ein großes Unternehmen, das Sie nun aber nicht mehr haben. Wie groß war denn das Unternehmen zeitweise?

Herr Därr: Es hat bis zu 30 Mitarbeiter beschäftigt. Ein großes Unternehmen war das so gesehen nicht, es war bzw. ist nach wie vor ein mittelständisches Unternehmen. Aber es ist eben nicht mehr mein Unternehmen.

Herr Rex: Sie gründeten nebenbei eine Familie, Sie haben Ihre Frau ja schon erwähnt. Es kamen dann auch zwei Kinder, und trotzdem waren Sie immer auf Achse. Wie kann so etwas funktionieren?

Herr Därr: Unser Lebensunterhalt bestand eben darin, über extreme Reisen Bücher zu schreiben, zu veröffentlichen und die Ausrüstung dafür anzubieten. Als dann die Kinder kamen, was ja auch so gewollt war, standen wir vor der Frage, ob wir dieses Leben ändern sollten oder ob wir versuchen sollten herauszufinden, wie so ein Leben mit Kindern weitergeht. Wir haben gesagt, es geht, es muß gehen, es wird gehen, und wir haben dann mit unserer ältesten Tochter Astrid, die nun 20 Jahre alt ist, eine Reise über Ägypten und Sudan nach Kenia gemacht. Das Kind war dabei ein Jahr alt und hat in Kairo z. B. seine ersten eigenen kleinen Schritte gemacht. Es war schwierig, aber es ging. Es hat sich gezeigt, daß viele Menschen aus dieser Szene dann diese Reisen auch weitergemacht haben, als sich bei ihnen Kinder eingestellt hatten. Wir wuchsen ja wirklich mit einer Szene von Studenten auf, die diese großen Reisen gemacht hatten. Und wenn man dann das Beispiel gegeben hätte, daß mit den Kindern das Reisen zu Ende geht, dann wäre auch ein Teil des Marktes weggebrochen, von dem wir gelebt haben.

Herr Rex: Aber das Reisen mit Kindern war ganz anders, oder?

Herr Därr: Gerade im Kleinkindalter ist das natürlich sehr zeitraubend, wenn man auf der einen Seite große Distanzen überwinden will, und auf der anderen Seite aber die Kinder schon wegen der Ernährung oder aus hygienischen Gesichtspunkten sehr viel Zuneigung und Zeit brauchen. Dann wird das schon schwierig und stressig. Wir haben, solange Teestraßen vorhanden waren, streckenweise dann eben Spätschichten eingelegt: Wenn das Kind versorgt war, konnte man dann noch einmal ein paar hundert Kilometer überbrücken. Das ging aber nur, wenn die Gegend nicht so war, daß man sie bei Tageslicht hätte sehen wollen.

Herr Rex: Wie lange waren Sie denn da mit der kleinen Astrid unterwegs?

Herr Därr: Das waren knappe drei Monate.

Herr Rex: Gab es da mit der Gesundheit irgendwelche Probleme? Denn es war ja auch ein bißchen mutig, als Eltern so ein Kleinstkind mitzunehmen.

Herr Därr: Es ging gut, aber wir haben uns auch, so gut wir konnten, darauf vorbereitet. Auf der anderen Seite haben wir uns gesagt, bei Flüchtlingstrecks und bei anderen Menschengruppen, die unterwegs sind, muß es ja auch gehen, warum sollte es dann bei uns nicht gehen - obwohl die Großeltern auf beiden Seiten dagegen sind, obwohl die Ärzte sagen: "Macht das nicht". Es ist natürlich letztlich die Aufgabe von allen Menschen außen herum zu sagen, "macht das nicht", weil sie sonst ja eine Verantwortung auf sich laden würden, die ganz allein unsere Verantwortung war und die wir auch wahrgenommen haben. Und so hat das dann auch funktioniert. Wir haben uns eben insbesondere darauf vorbereitet, bei einem Kleinkind eine Durchfallerkrankung möglichst schnell und wirksam behandeln zu können, weil diese Erkrankung sehr wahrscheinlich auftreten wird und zu einer sehr schnellen Dehydrierung des Körpers führen kann. Das Problem der Durchfallerkrankung tauchte dann auch auf, aber das haben wir Gott sei Dank mit Heilnahrung und entsprechenden Medikamenten in den Griff bekommen.

Herr Rex: Nun ist aus Astrid, Sie haben das schon erwähnt, eine zwanzigjährige Tochter geworden. Astrid kennen die Leser von "Transsahara" als Kleinstkind, wie es im Sand der Sahara spielt. Astrid fährt nun mit ihrem Freund selbst nach Westafrika. Macht das dem Vater Klaus Därr Sorgen, hat er Angst um Astrid?

Herr Därr: Es macht mir schon Sorgen, aber ich werde sie nicht daran hindern, das zu tun. Ich unterstütze sie auch dabei, indem ich ihr ein geeignetes Fahrzeug zur Verfügung stelle. Als ich als Student auf Reisen gegangen bin, haben sich meine Eltern auch Sorgen gemacht, aber sie haben mich nicht unterstützt. Sie haben mich nicht gehindert, sie haben mich aber auch nicht unterstützt. Zu den Kleinkindern auf Reisen wäre auch noch zu sagen, daß man natürlich auch jede Menge Dinge dabei haben muß, um sie beschäftigen zu können. Sie können ja die Umgebung und die Schönheit der Landschaft noch nicht wahrnehmen, man kann ihnen auch kein Ziel vorgeben und ihnen sagen: "Heute abend sind wir an dem und dem See, und da wird es dann ganz wunderschön sein". Kinder leben vom hier und jetzt, von der momentanen Situation. Die Kinder haben aber auch Vorteile mit sich gebracht: Wenn man bei irgendwelchen Ortsbehörden oder Grenzen auftauchte und plötzlich so ein blonder Kinderkopf aus dem Fenster sah, dann war völlig klar, daß man unverdächtig ist. Es kamen dann Sympathien für unsere Kinder auf, weil man solche Kinder in diesem Alter in diesen Gegenden noch nie gesehen hat. Man hatte sicherlich schon Europäer gesehen im Nord- oder Südsudan, wo wir damals durchgefahren sind - was ja schon seit ein paar Jahren nicht mehr geht, aber damals eben doch für ein paar Jahre möglich war -, aber das war wirklich die absolute Sensation in allen Dörfern: bei den Nubas in Kau mit einem einjährigen Kind aufzutauchen, war natürlich eine völlige Sensation. Es hat also oft auch sehr geholfen, sie dabei zu haben. Hochinteressant war auch, daß die Kinder, wenn die Tour vorbei war, dieses Fahrzeug, mit dem man unterwegs gewesen ist, als ihr Zuhause angesehen haben. Das Fahrzeug stand dann wieder zu Hause vor der Tür, aber trotzdem haben sie sich immer darin aufgehalten: dran und drumrum und drin. Als wir zu Hause waren, war dann nicht das Haus, in dem man eigentlich wohnte, der Mittelpunkt des Lebens, sondern dieses Fahrzeug - zumindest zeitweise.

Herr Rex: Sie haben soeben gesagt, daß bei Kindern Durchfallerkrankungen ein Problem waren. Wie stand es denn insgesamt mit der Gesundheit auf Ihren großen Reisen? Sind Sie krank geworden, krank gewesen?

Herr Därr: Ja, ich habe mir schon die eine oder andere Tropenkrankheit eingefangen. Aber ich war ja nie so unendlich lange auf Reisen. Ich war maximal drei Monate auf Reisen: so zwischen sechs, acht Wochen oder drei Monaten - je nachdem. Ich hatte so immer das Glück, das dann zu Hause wieder auskurieren zu können.

Herr Rex: Was kann man sich denn da holen?

Herr Därr: Man kann sich insbesondere Malaria holen, die ich Gott sei Dank nicht bekommen habe, die aber meine Frau einmal gehabt hat. Man kann sich Bilharziose oder Hepatitis holen, beides hatte ich leider auch.

Herr Rex: Bilharziose, das sind so kleine Würmer in der Haut...

Herr Därr: Ja, ja, die dann in den Körper eindringen. Gott sei Dank ist es dem "Tropeninstitut" in München gelungen, diese Krankheit erfolgreich zu behandeln.

Herr Rex: Gerade im Gesundheitsbereich sollte man da Ihr Verhalten nachmachen, weil man sich wirklich sehr gut vorbereiten und Gelbfieberimpfungen und ähnliche Dinge zur Prophylaxe machen muß. Es gibt da auch Impfberatungen: Da können Sie in einem Reiseführer nur raten, daß die Leute zu den Ärzten gehen.

Herr Därr: Erstens einmal darf und will ich keine medizinische Beratung geben - ich habe das Wissen dazu gar nicht. Zweitens ändern sich natürlich auch die Verbreitungsgebiete der Krankheiten und ihre Ausprägung. Genau darüber sind aber die Tropeninstitute sehr gut informiert. Wenn mich in der Vergangenheit irgendwelche Menschen oder auch Kunden gefragt haben, welche Impfung sie für welche Gegenden brauchen würden, dann habe ich immer gesagt: "Ab ins Tropeninstitut, Ärmel hochkrempeln und sagen, wo man hinreisen will!" Denn dort machen sie das schon richtig, weil die das nun wirklich sehr viel besser wissen als ich.

Herr Rex: Sie waren ja ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann, aber Sie haben diese wirtschaftlichen Zwänge, da auch immer anwesend sein zu müssen, hinter sich gelassen: Zu Beginn dieses Jahres haben Sie Ihren Versandhandel und Ihr Geschäft abgegeben. Jetzt könnten Sie eigentlich in Ihrem schönen Haus mit Blick auf die Alpen sitzen - Sie haben in der Nähe von Rosenheim Ihr Anwesen - und könnten sich sagen: "Nun ist es gut, jetzt schaue ich mir vielleicht noch ein paar Dias an". Sie schweifen aber trotzdem immer noch in die Ferne. Was treibt Sie da eigentlich an?

Herr Därr: Das kann man so nicht sagen, was mich antreibt. Was treibt den Bergsteiger an, auf irgendwelche unbezwingbaren Berge zu gehen? Die Berge sind da und sind eine Herausforderung - deshalb will der Bergsteiger rauf auf sie. So ist es bei mir auch. Die Wüste ist da, die Wüste ist riesengroß, und die Sahara ist eben nicht so arg weit weg. Die technische, die intellektuelle und die organisatorische Herausforderung, das zu schaffen, ist einfach da, und dann macht man das eben gerne.

Herr Rex: Nun verfügen Sie ja heute über einen allradgetriebenen Geländewagen und dazu über einen LKW: Da kann Ihnen wenig passieren. Zusätzlich gibt es nicht nur wie früher den Kompaß, sondern auch die Satellitennavigation. Wenn Sie all das nicht hätten: Würden Sie dann auch wieder so wie früher mit einem alten Post-Paketbus losfahren? Ist die Sucht so groß?

Herr Därr: Also, mit dem Paketbus würde ich es wahrscheinlich nicht mehr machen, aber mit einem älteren Geländewagen schon. Aber auf einen Geländewagen überhaupt würde ich heute nicht mehr verzichten wollen, weil er einem doch unendlich mehr Möglichkeiten gibt als so ein Paketbus.

Herr Rex: Ich hatte den Wechsel in der Technik schon angesprochen: Der sogenannte GPS, diese Satellitennavigation, hat schon viel gebracht, oder?

Herr Därr: Ja, die Satellitennavigation ist schon sehr hilfreich und ein sehr wichtiger Sicherheitsfaktor.

Herr Rex: Vielleicht können Sie einmal kurz erklären, wie das funktioniert.

Herr Därr: Es umkreisen 24 GPS-Satelliten diese Erde, die alle ein Signal geben. Das ist im Prinzip ein Zeitsignal der Weltzeit von höchster Präzision. Das Navigationsgerät macht eigentlich nichts anderes, als daß es von bis zu vier Satelliten die Zeitangabe mißt und dabei weiß, wo sich die Satelliten befinden. Durch die verschiedenen Laufzeiten des Signals von den Satelliten zum Gerät kann das Gerät dann errechnen, wo man sich befinden muß, damit die Laufzeiten der bekannten Satelliten genau so sind, wie sie sich darstellen. Daraus errechnet sich dann die Position des Benutzers dieses Geräts.

Herr Rex: Das sagt mir auf wenige Meter genau, wo ich bin.

Herr Därr: Es sagt einem auf 50 bis 100 Meter genau, wo man sich befindet.

Herr Rex: Das heißt, ich muß nicht mehr mit dem Kompaß peilen, sondern ich kann auf die Karte gucken, ausrechnen, wo ich mich befinde, dem Gerät eingeben, wohin ich will, und das Gerät zeigt mir dann sogar die Richtung an, wohin ich fahren muß.

Herr Därr: Das Gerät zeigt in aller Regel die Position genauer an, als sie auf der Landkarte verzeichnet ist. Diese 50 bis 100 Meter an Genauigkeit sind bei weitem ausreichend. Das Gerät zeigt die Richtung zum Ziel an, die Entfernung vom Ziel und, wenn man sich gleichmäßig fortbewegt, auch die Zeit, die man noch braucht, um dieses Ziel zu erreichen.

Herr Rex: Das ist eine Erfindung der Militärs?

Herr Därr: Das ist eine Installation des amerikanischen Verteidigungsministeriums.

Herr Rex: Sie haben schon alle Kontinente bereist, warum aber zieht gerade die Sahara Sie so in den Bann? Warum sind Sie lieber in der Sahara als anderswo auf der Welt?

Herr Därr: Ich bin im Prinzip in der Sahara nicht lieber als anderswo auf der Welt: Ich bin gerne dort, wo nicht so viele Menschen sind, und die Sahara ist nun zufällig ein sehr naheliegender Großraum, in dem es wenige Menschen gibt und in dem diese große Freiheit, sich von hier nach dort zu bewegen, vorhanden ist. Wenn man die Grenzen von manchen Ländern überwunden hat, kann man eben wirklich so fahren: Man sieht irgendeinen Berg, man sieht eine Palme, man sieht irgend etwas, das einen interessiert, und dann kann man da hinfahren. Das ist eben ein sehr schönes Gefühl.

Herr Rex: Die Deutschen sind ja mittlerweile Reiseweltmeister - auch wenn die Sorge um die Jobs das Fernweh in der jüngsten Zeit etwas einengt. Der Massentourismus bringt im Ausland Jobs, er verändert aber auch die Kulturen im Ausland. Da machen Sie nicht mit. Sie haben gerade gesagt, Sie möchten gerne irgendwo alleine sein. Graust es Ihnen bei der Vorstellung, auf eine der kanarischen Inseln zu fliegen, weil das Wetter dort gut ist, und dort in einem großen Hotel einen schönen Urlaub zu machen?

Herr Därr: Ich glaube, ich würde das nicht länger als drei, vier Tage aushalten. Warum sollte ich auch? Es gibt andere Möglichkeiten, die Welt kennenzulernen oder seinen Urlaub zu verbringen.

Herr Rex: Andererseits gibt es beim individuellen Reisen auch Extremurlauber, die z. B. die Yanomami-Indianer besuchen, die wirklich abseits jeglicher Zivilisation leben. Solche Reisenden aus dem Westen bringen dann aber Plastiktüten, Cola-Dosen und eventuell sogar ansteckende Krankheiten mit. Was halten Sie davon?

Herr Därr: Man kann keine Käseglocke über die Welt stülpen. Der Mensch lebt auf dieser Erde und hat meines Erachtens auch ein natürliches Recht, sich diese Erde anzuschauen. Er hat aber kein natürliches Recht, diese Welt zu versauen oder die Lebensräume anderer Menschen oder Völker zu zerstören. Aber ich glaube nicht, daß der Individualtourist da wirklich eine große Rolle spielt. Wenn man sich die Yanomami ansieht: es sind brasilianische oder venezuelanische Goldgräber, die hier die Krankheiten einschleppen, die hier die Anfänge und die Nachteile einer Zivilisation mitbringen. Der Individualtourismus ebenso wie der Expeditionstourismus wird ja leider eher weniger als mehr. Wenn ich mir anschaue, wieviele Menschen vor zehn Jahren in Zentral- und Westafrika oder in der Sahara herumgereist sind, und wie wenige das heute tun, dann muß ich sagen: Die Schäden können eigentlich im Moment nur weniger werden. Wenn man sich die politische Situation in sehr vielen Ländern dieser Erde ansieht, stellt man fest, daß die Überwindung der Landgrenzen immer schwieriger wird, während es immer leichter wird, irgendwohin zu fliegen. Das heißt, der Tourismus wird auch immer stärker kanalisiert. Länder wie Ägypten, in dem im November letzten Jahres dieser schreckliche Zwischenfall war, sind auf Individualtouristen überhaupt nicht scharf, weil sie sie weniger unter Kontrolle halten können. Man kann diese Touristen weniger beschützen. Wenn jemand als Individualtourist dann durch ein Verbrechen Schaden nimmt, dann gibt es weltweit so einen Aufschrei, daß der organisierte Tourismus, der das große Geld bringt, dabei auch kaputt geht. Ich glaube also, daß die Gefahr, daß der Individualtourismus etwas kaputt macht, eher zurückgeht.

Herr Rex: Daß nicht mehr so viele Leute durch die Sahara fahren, hängt wohl hauptsächlich damit zusammen, daß Algerien im Moment ein unsicheres Land ist.

Herr Därr: Es gab jahrzehntelang den Wüsten-Tourismus nach Algerien und durch Algerien hindurch - insbesondere nach Niger und Mali und z. T. auch nach Mauretanien. Die Drohung der Fundamentalisten aus dem Jahr 1992, alle Europäer, die nach dem 10. Dezember nach Algerien einreisen, zu töten, hat natürlich gewirkt, das ist klar: Der Tourismus ist dort zusammengebrochen. Es gab nun Zeiten, zu denen auf einer Breite von 5500 Kilometern eine Durchreise durch die Sahara nicht möglich war, weil alle Länder dort ihre Grenzen geschlossen hatten oder die Durchreise so gefährlich war, daß man das einfach nicht machen konnte. Im Moment ist es in Algerien so, daß man Nordalgerien, wenn man es schnell und sehr gezielt unternimmt, auch risikoarm durchreisen kann. Im Süden ist es dann ohnehin nicht gefährlich.

Herr Rex: Sie haben das beim letzten Mal so gemacht?

Herr Därr: Das habe ich im Dezember gemacht: vom Süden kommend bin ich nach Algerien eingereist - zur allergrößten Verblüffung der Behörden, weil wir seit 1992 die ersten Touristen waren, die überhaupt wieder dorthin gekommen waren. Sie waren dort wirklich völlig von den Socken. Wir sind auch zuerst einmal vom Militär, von acht schwer bewaffneten Leuten, umzingelt worden, weil sie überhaupt nicht kapiert haben, was wir da wollen, und vermutet haben, daß wir nigerische Rebellen wären. Eine Gefahr des Fundamentalismus existiert dort also nicht, aber das Problem besteht darin, dann den Norden schnell und auf der richtigen Strecke zu durchqueren. Ich will da nun auch gar nicht in touristischer Hinsicht die Schleusen aufmachen, denn wenn jetzt plötzlich wieder viele Touristen durchfahren, dann könnte es natürlich schon sein, daß die Fundamentalisten auf die Idee kommen, ihre Aussage aus dem Jahr 1992 wahr zu machen, damit sich deren Wirkung nicht verliert.

Herr Rex: Das hört sich doch ein bißchen gefährlich an. Haben Sie denn auf Ihren Reisen gefährliche Situationen erleben müssen?

Herr Därr: Auf diese Frage, die einem natürlich immer wieder gestellt wird, antworte ich meistens, daß das Gefährlichste an den Reisen eigentlich immer die Durchreise durch Spanien oder Italien ist, um nach Nordafrika zu gelangen. Ganz so ist es natürlich auch nicht, aber man geht insbesondere Risiken ein, die man nicht gewohnt ist. Während die Risiken, die man verdrängt hat - nämlich hier bei uns von einem LKW niedergebügelt zu werden oder bei einem Verkehrsunfall anderweitig zu verunglücken oder als Fußgänger falsch über die Straße zu gehen und dabei zu verunfallen - dann dort einfach nicht mehr vorhanden sind. In der Summe ist es dann so, daß man hinsichtlich der Risiken, wenn man große Reisen macht, nicht gefährlicher lebt, als wenn man zu Hause bleibt. Es sind mir natürlich im Laufe von 25 Jahren mit großen Reisen schon Sachen passiert. Für mich ist es aber wichtig, wenn ich eine Tour starte - auch wenn sie sehr ausgefallen ist und gefährlich erscheint -, daß ich der Überzeugung bin, sie unbeschadet überstehen zu können. Es gibt dann aber schon Situationen und Wendungen, die gefährlich werden können, das ist richtig.

Herr Rex: Wie steht das mit Überfällen?

Herr Därr: Ich bin einmal in Brasilien auf dem Campingplatz ausgeraubt worden - allerdings war ich der einzige Camper auf diesem Campingplatz. Die anderen werden schon gewußt haben, warum sie da nicht hingehen. Wir wußten es nicht. Jetzt gerade sind einige von uns, eine Gruppe von zehn Personen, im Tschad völlig ausgeraubt worden.

Herr Rex: Aber das war nur ein Geld- und kein Personenschaden, oder?

Herr Därr: Es ging nur um Geld und Wertgegenstände. Man hatte nicht vor, diesen Menschen nach dem Leben zu trachten.

Herr Rex: Es ging vor einigen Jahren auch ein Bild von Klaus Därr durch die Zeitungen, als Sie im Gefängnis in Ägypten waren. Was war da passiert?

Herr Därr: Das war in Kairo. Wir hatten eine Tour gemacht, die von Kamerun in den Tschad ging und dann von der Hauptstadt des Tschad, von N'Djamena, ins Tibesti-Gebirge, also auch in die Zentralsahara. Von dort ging es zurück Richtung Süden. Dann sollten diese beiden Geländefahrzeuge über Libyen und Italien zurück nach Hause überführt werden. Die Libyer haben an der Südgrenze Libyens, das ist wichtig, also an ihrer Südgrenze, trotz gültiger Papiere für Fahrzeuge und Personen die Einreise nachhaltig verweigert. Wir standen also nach 5000 Kilometern Wüstenpiste an der Südgrenze Libyens in der Zentralsahara herum und konnten nicht weiter. Unsere einzige Chance, die Zivilisation überhaupt wieder erreichen zu können, bestand darin, nach Ägypten auszuweichen, wofür wir aber kein Visum hatten. Wir mußten dazu eine Grenze überschreiten, die strengstens gesperrt ist: Ägypten hat nämlich Angst vor einem fundamentalistischen Einfluß - der auch tatsächlich stattfindet. Wir selbst haben im Sudan Ausbildungslager für Terroristen gesehen. Die Ägypter haben das in den falschen Hals bekommen, daß wir über diese gesperrte Grenze gefahren sind. Wir sind fünf Tage lang von den verschiedensten Behörden in Ägypten verhört worden und waren dann eine Nacht lang in einem mittelalterlichen Abschiebegefängnis in Kairo.

Herr Rex: Wie waren da die Zustände?

Herr Därr: Ja, das war schon ein unvergleichliches Erlebnis, das ich zwar nicht noch einmal erleben, das ich aber auch nicht missen möchte, nachdem das nun einmal passiert ist. Man bekommt wohl selten im Leben so viele neue Situationen vorgeführt wie in einem mittelalterlichen Gefängnis in Ägypten. Es gab dort verschiedene größere Zellen, wir waren in einer Zelle mit 43 Personen. Es gab keinen Platz zum Schlafen, weil wirklich nicht alle gleichzeitig auf dem Boden liegen konnten. Wir wurden dort nachts um drei Uhr eingeliefert, und in der Zelle, in der wir waren, waren ausschließlich Abschiebehäftlinge wie wir. Das waren zum Teil Palästinenser - aber nur wenige -, aber auch Libyer, es gab noch einen Deutsch-Amerikaner und einen nigerianischen UNO-Beamten, der sein Visum in Ägypten überzogen hatte. Da sind die Ägypter also schon sehr konsequent gewesen. In der einen Zelle nebenan waren Fundamentalisten konzentriert, in der anderen wiederum Palästinenser, und beide Gruppen wurden wesentlich schlechter behandelt als wir.

Herr Rex: Haben Sie denn da Ihre Fahrzeuge überhaupt wiederbekommen?

Herr Därr: Zunächst war das natürlich eine ganz verrückte Situation, weil wir mit zwei brandneuen knallroten Geländewagen bei diesem Gefängnis in Kairo vorfuhren - jeweils bewacht durch zwei Polizisten, aber wir am Steuer. Und da stand dann eben links und rechts vom Eingang jeweils ein roter Geländewagen - und wir selbst kamen hinter die verschlossenen Türen. Wir wurden dann aber am nächsten Tag freigelassen. Die Geländewagen waren insgesamt acht Monate durch den Zoll beschlagnahmt. Es hat wirklich äußerster Anstrengung bedurft, diese Wagen da wieder herauszubekommen.

Herr Rex: Im Tschad hat es ja vor Jahren einen fast vergessenen Krieg gegeben. Kommt man denn als Extremreisender auch in solche Gegenden?

Herr Därr: Ich meine, der Nord-Tschad und der Aouzou-Streifen, der zwischen Tschad und Libyen umstritten ist - bzw. es ist so, daß ihn die Libyer einmal per Invasion eine Weile an sich gerissen haben - ist einfach deshalb hochinteressant, weil dort die höchsten Berge und die größten Seen der Sahara sind, weil dort die einsamsten Völker leben und weil es dort den Vulkanismus, das "Trou au Natron" gibt, dieses Natronloch in einem Vulkan. Wenn man sich für die Naturattraktionen dieser Erde interessiert, muß man da einfach hin. Das Problem ist, daß man dann durch verminte Regionen fahren muß, in denen sich vorher das Kampfgeschehen abgespielt hat, in denen sich die Libyer auf dem Rückzug vor den angreifenden Tschadern, die ihr Land befreien wollten, hinter Minenfeldern verschanzt haben. Da muß man dann von Oase zu Oase einen Führer mitnehmen, der den nächsten Streckenabschnitt von 100 oder 200 Kilometern genau kennt. Wenn man das aber konsequent macht, wenn man konsequent diese Führer mitnimmt und dann auch einen Blick dafür gewonnen hat, welche Anzeichen dafür sprechen, daß hier etwas gefährlich werden könnte, dann kann man das machen. Gefährlich sind z. B. einfache Steinbarrieren, zwei übereinander gestellte Steine, die auf natürliche Art und Weise auf der Piste nicht übereinander geraten können: Das muß einem sofort sagen, daß man da nicht drüberfahren darf und daß hier irgendwo ein Weg außen herum sein muß. Wenn man im Halbschlaf, unwissend oder aus dem Gefühl heraus, "mir kann eh keiner was", drüberfährt, dann ist es eben schnell passiert.

Herr Rex: Das Tibesti-Gebirge ist das Gebiet, in dem die Toubou wohnen, das ist ein recht kriegerisches Volk, über das schon Heinrich Barth geklagt hat, weil sie ihn fast zu Tode gebracht hätten. Wie kommt man denn mit solchen Menschen klar?

Herr Därr: Es ist ja fast unmöglich, das in Bayern zu sagen, aber die Bergvölker sind immer etwas komplizierter als andere Völker. Bergvölker sind in den Bergen, weil sie von anderen Völkern dorthin verdrängt worden sind. Sie haben dort ein kargeres Leben als die Völker, die in der Ebene leben, und müssen deshalb wohl ihren Lebensraum etwas aggressiver verteidigen oder eben ihren Lebensunterhalt etwas aggressiver bestreiten als die Völker, die in den fruchtbaren Ebenen leben. Gut, in der Sahara gibt es nun nicht gerade viele fruchtbare Ebenen, aber die Bergvölker sind wirklich immer komplizierter. Man sieht das auch im Kaukasus, wo es ständig Probleme gibt. Die Toubou waren schon immer das ärmste Volk in der Sahara. Sie betrachteten selbst die Tuareg, die aus unserer Sicht ja schon unendlich arm sind, immer schon als reiches Nachbarvolk. Deswegen haben sie auch schon immer ihre Raubzüge Richtung Tuareg unternommen. Davon ist bis heute einiges geblieben, und so ist es manchmal wirklich nicht ganz einfach, mit den Toubou zurechtzukommen. Aber letztlich glaube ich an das Gute im Menschen oder an die Gastfreundschaft, und in aller Regel funktioniert das auch. Aber manchmal geht es eben auch schief.

Herr Rex: Sie machen solche großen Reisen ab und zu in dem Stil, daß Sie Leute mit deren eigenen Geländewagen mitnehmen oder daß Sie sogar direkt als Reiseveranstalter so etwas anbieten. Was sind das für Leute, die da mit Ihnen reisen und die dafür viele tausend Mark bezahlen für Fähren, für Sprit, für alles mögliche? Warum geben diese Leute den Luxus auf und tauschen das gegen Sand auf dem Brot, wenig Wasser und sonstige Entbehrungen ein?

Herr Därr: Ich glaube, und so ist es vielleicht auch bei den Teilnehmern, daß das Leben nicht dadurch angenehm, schön oder interessant wird, daß man jedes Jahr seinen Lebensstandard und die äußeren Umstände ein wenig verbessert, sondern daß ein Auf und Ab vorhanden sein muß. Die Entbehrungen, die man bei einer wochenlangen Fahrt durch die Sahara notwendigerweise in rein körperlicher Art hinnehmen muß, werden eben dann mehr als ausgeglichen, wenn man in eine Oase kommt, in der es z. B. mitten in der Wüste einen Wasserfall gibt - denn so etwas kommt ja tatsächlich vor -, oder wenn man nach solchen Entbehrungen an einen frischen Wassertümpel oder in schattige Oasengärten kommt. Das wird auch dadurch ausgeglichen, daß diese Bewegungsfreiheit vorhanden ist und es diese abwechslungsreichen, offenen und ästhetisch beeindruckenden Landschaftsformen gibt. Das sehe nicht nur ich so. Es sind sicher viele Teilnehmer bei uns dabeigewesen, die sich im Grunde problemlos vier Wochen auf den Seychellen oder ein anderes teures Reiseziel hätten leisten können. Denen genügte es aber nicht, nur den Komfort immer etwas mehr zu verbessern.

Herr Rex: Sie hatten das eben am Rande erwähnt, ich möchte aber noch einmal genauer nachfragen: Seen in der Sahara?

Herr Därr: Es gibt riesige Seen in der Sahara: im Nordtschad und im Nordosttschad um Ounianga Kebir und Ounianga Sahir herum. In Ounianga Kebir waren wir Ende November letzten Jahres. Das ist unvorstellbar: ein riesiger See mit Süßwasser, mit Fischen, mit Palmen und Stränden und keine Menschen weit und breit. Jemand wie ich, der doch etwas unternehmerisch denkt, fragt sich natürlich schon, warum da nicht etwas entwickelt wird, warum da keine Windsurfer hinkommen, warum es da kein Hotel gibt. Und dann kommt man ganz schnell zurück von diesem Trip und sagt sich: "Gott sei Dank ist das alles nicht vorhanden, weil ich ja extra hierher gefahren bin, wo es eben nicht so überzivilisiert ist".

Herr Rex: Wie viele Europäer, wie viele Nicht-Afrikaner besuchen solch einen See in Ounianga Kebir im Jahr?

Herr Därr: Die westlichen Seen, also Ounianga Kebir, werden vielleicht alle zwei bis drei Wochen von Besuchern aufgesucht, die von Süden - von N'Djamena aus - mit Organisationen da hinauf gefahren werden. Die östlichen Seen, die dann noch einmal 70 Kilometer weiter weg sind, werden dann vielleicht alle zwei, drei Monate besucht.

Herr Rex: Nun werden Sie ja auf Ihren Reisen auch mit der Armut in der Dritten Welt konfrontiert. Was heißt das für Sie, wenn Sie da durchfahren und manchmal dieses Elend sehen?

Herr Därr: Das sind nun zwei verschiedene Themen, weil zwischen Armut und Elend eben doch noch ein Unterschied besteht. Es gibt natürlich unendlich viele arme Menschen, die aber deswegen keine unglücklichen Menschen sein müssen. Gerade Afrika ist ja der Kontinent, bei dem man sich nur immer wieder wundert, wie die Menschen lachen können - auch in einer wirtschaftlichen Situation, die wir für völlig untragbar halten. Das ist der Unterschied zu den Reisen in östliche Länder, die wirtschaftlich zwar schlecht dran sind, denen es aber doch deutlich besser geht als vielen Gegenden in Afrika. Aber dennoch ist dort ein wirkliches Lachen viel seltener zu finden. Mit dem Elend umzugehen, ist schon sehr schwierig, insbesondere dann, wenn man keine wirklichen medizinischen Möglichkeiten besitzt. Man kommt in Regionen der Zentralsahara, in denen eine medizinische Versorgung praktisch völlig fehlt und wo die Menschen auch gar nicht die Möglichkeit besitzen, sich über Hunderte von Kilometern in ein Krankenhaus zu begeben. Aber selbst wenn sie das könnten, wären dort die medizinischen Möglichkeiten sehr gering. Damit umzugehen, ist eben schon sehr schwierig. Bei den letzten beiden Touren, auf denen wir ja einen Versorgungs-LKW dabeihatten, hatten wir auch viele Medikamente und Verbandsmaterial - mehrere hundert Kilogramm - für örtliche Krankenhäuser wie z. B. in Faya Largeau im Tschad mit dabei. Das geben wir dort ab: auch im Auftrag von deutschen Hilfsorganisationen, die erfahren haben, daß wir dorthin reisen, wohin sonst keiner kommt und wohin vor allen Dingen sonst keiner freie Transportkapazitäten hat. Wir geben das ab, aber ob man dort auch entsprechend qualifiziert ist, um mit diesem Material umzugehen, das ist wieder eine andere Frage. Nur: Ich selbst kann das nicht - und wir hätten auch gar nicht die Zeit, uns dort Wochen oder Monate aufzuhalten, um eine medizinische Versorgung aufzubauen.

Herr Rex: Sie fahren auch manchmal mit Fernsehteams durch Afrika, begleiten die Kollegen und organisieren diese Reisen. Sie schreiben Bücher, Sie schreiben Artikel. Seit 12 Jahren haben Sie einmal in der Woche ein Telefon für Globetrotter angeboten: Haben Sie nicht Angst, daß auf einmal ganz viele Leute auf diese Idee kommen und daß dann Schluß ist mit der Einsamkeit an den Seen in der Sahara?

Herr Därr: Die Welt ist riesengroß, und die Kanalisierung des Tourismus findet in den Köpfen der Menschen statt. Es wird so bleiben, daß die Menschen, die Touristen, eigentlich die Plätze suchen, an denen viele andere Touristen auch sind. Man wird immer einsame Flecken auf dieser Welt finden können, wenn man sie denn finden will. Ich kann mich eigentlich immer nur wundern, wenn in Zeitungsartikeln z. B. über den Sinai steht, daß auch auf den Berg, von dem es heißt, daß dort Moses die Gesetzestafeln erhalten hat, so viele Touristen hinauflaufen. Ja, klar laufen da viele Menschen hinauf. Aber auf den Berg nebenan läuft kein Mensch. Ich muß also nur auf diesen anderen Berg gehen, und schon bin ich ganz allein. Das hat also alles etwas mit dem Kopf zu tun und nichts mit der tatsächlichen Situation auf dieser Erde.

Herr Rex: Wenn es nun keine Kriege, keine politischen Probleme in den Ländern Afrikas geben würde: In welches Land würden Sie am liebsten sofort reisen?

Herr Därr: Ich würde in unendlich viele Länder gerne reisen, ich würde gerne in den Jemen und nach Äthiopien reisen, dann wieder einmal nach Marokko. Es gibt unendlich viel anzuschauen.

Herr Rex: Wie heißt denn Ihr konkretes nächstes Ziel?

Herr Därr: Im Moment habe ich den Plan, Pläne zu machen. Ich versuche ja immer, irgendwohin zu reisen, wo es schwierig ist hinzukommen und wo deswegen wenige hinkommen. Aber es kommen eben auch nur deswegen so wenige hin, weil es bisher vielleicht die politische Situation nicht erlaubt hat, dorthin zu kommen. Im Moment hoffe ich, einen Weg zu finden, vom Sudan wieder zurück nach Ägypten reisen zu können: Da scheint die Grenze etwas durchlässiger zu werden. Wenn ich feststellen sollte, daß das geht, dann würde ich z. B. gerne von Tunesien über Libyen in den Nordtschad fahren und von dort in den Nordwestsudan weiterreisen, der unendlich verlassen ist und in dem es auch großartige Landschaftsformationen gibt. Von dort würde ich gerne wieder nach Ägypten fahren - das ist im Prinzip die Grenze, an der ich vor sechs Jahren verhaftet worden bin. Aber ich werde das wohl nur machen, wenn ich eine wirklich sehr wirksame schriftliche Genehmigung aus Kairo habe. Und genau darum will ich mich im Moment bemühen.

Herr Rex: Kommen Sie gut hin, Herr Därr, und kommen Sie auch gut wieder zurück, auf daß Ihnen nie das Wasser ausgeht! Fahren Sie zusammen mit Ihrer Frau auf diese Tour?

Herr Därr: Bei der letzten war sie dabei, ob sie bei der nächsten auch wieder dabei sein wird, weiß ich noch nicht.

Herr Rex: Wir wünschen Ihnen jedenfalls viel Glück für diese Reise. Das war Klaus Därr, hier bei Alpha-Forum. Bis zur nächsten Ausgabe, auf Wiedersehen.

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